ein protokoll des projekts 'biennelectronic orchestra'

die vorgeschichte und idee

umgeben von nässe und kälte kam im winter 2006/2007 das gespräch auf die erinnungen an die erste formation von biennelectronic orchestra im jahre 2002. schnell führte das eine zum anderen und die idee, dieses projekt neu aufleben zu lassen, war geboren.
die idee und motive waren die selben wie in der ersten runde: musiker der experimentellen, improvisierenden szene biels und wenn möglich visuelle künstler oder künstlerinnen formieren sich zu einem orchester, dem biennelectronic orchestra. dieses setzt sich an einem besonderen ort - dem park elfenau - auf seine eigene art mit einem ausgewählten „klangbild“ der stadt biel auseinander und ermöglicht so seinem publikum ein spezielles erleben eben dieser stadt. das biennelectronic orchestra präsentiert eine klang- und lichtinstallation, in der an stelle von statischen lautsprechern agierende und reagierende menschen stehen, die an ihren instrumenten, elektronischen geräten, computern, lichtmischpult ... live klänge und bilder erzeugen, die in direkter art und weise mit dem ort des geschehens verbunden sind.

das orchester
das biennelectronic orchestra sollte die breite der sehr aktiven szene von experimentellen bieler musikern widerspiegeln. so kam denn auch die besetzung zustande: auf der einen seite die arrivierten figuren, der klarinettist, saxophonist und elektroakustische musiker hans koch sowie der elektroakustische cellist martin schütz. auf der anderen seite aber auch jüngere köpfe wie der komponist, musiktheaterinitinat und analogelektroniker jonas kocher oder der junge schlagzeuger tobias schramm, der sich als mitglied verschiedenster projekte einer stilistischen schubladisierung entzieht. irgendwo dazwischen sind die anderen vier musiker anzusiedeln: der elektro-akustische bratschist edgar laubscher, sowohl in experimentellen projekten wie auch in der klassischen musik beheimatet. der elektronische saxophonist und jazzmusiker markus ‚silber‘ ingold. und das duo <strøm> - gaudenz badrutt (synth, electronics) und christian müller (bassclar, electronics) - das sich mit elektro-akustischer improvisation, konzeptmusik, ideen neuer musik, installationen und theatermusiken auf verschiedensten bühnen bewegt.

nicht nur musik - ein visuelles konzept
mit den zusagen der grosszügigen unterstützung des projekts seitens der stadt biel, des kantons bern und der stiftung vinetum, sowie der defizitgarantie der migros aare konnte an die realisierung des schon angedachten plans - dem einbezug visueller überlegungen - gegangen werden. im jungen künstler- und graphikerinnenduo sirkus - bestehend aus miriam affolter und andrea stebler - fand die musikalische fraktion des biennelectronic orchestras ideale partnerinnen zur umsetzung einer visuellen idee.
im spannungsfeld von natürlicher künstlichkeit und künstlicher natürlichkeit, welche der lauschige park elfenau widerspiegelt, wurde ein visuelles konzept entwickelt, welches vom graphischen auftritt des orchesters bis zur visuellen umsetzung der geplanten performance reichte. so entwickelten die beiden künstlerinnen parallel und in ständigem kontakt mit der kompositorischen gestaltung der akustischen ebene einen optischen auftritt des projekts: zum einen entstanden so die werbeträger plakat und flyer, welche gedruckt auf einem polyethylen schon im vorfeld die spannung zwischen natürlichkeit und künstlichkeit haptisch sowie bildlich entdecken liessen. zum anderen wurde eine lichtinstallation erdacht, die inmitten der acht musiker erleuchten sollte: 200 halbverspiegelte glühbrinen werden im halbhohen gras zu künstlichen 'blumen', die gesteuert von den klängen der einzelnen musikern in acht gruppen unterteilt erleuchten würden. die steuerung sollte dabei direkt vom mischpult ausgelöst werden, einzig parameter wie ein- und ausblendvorgang, minimale und maximale leuchtkraft sind je nach lichtstimmung im park von hand zu beeinflussen.

die partitur und klangidee
im frühsommer 2007 nahm dann auch die partitur für die agierenden musiker immer mehr kontur an. es wurde eine sechstündige zeitstruktur ausgearbeitet, die sich auf verschiedenen ebenen dem klangbild des parks annähern sollte: die dort beheimateten klänge von vögeln, wassergeplätscher, flanierenden menschen, vorbeifahrenden autos und zügen bilden das ausgangsmaterial für alle musiker. diese naturklänge werden in originaler und verfremdeter form wiederverwendet, stellen sich aber gleichzeitig und immer wieder in bezug zu klängen der angestammten musikinstrumente jedes beteiligten. ein spiel von unterschiedlichen klängen, klangfarben - mit, gegen und übereinander gelagert - soll ermöglicht werden. so werden in einen ausgefeilten zeitplan klangquellen und -qualitäten, energieverläufe und besetzungen, spielformen und klangbilder gesetzt, welche in bezug zur alltäglichen klanglichkeit des parks stehen. die musikalische partitur sucht in vielfältiger art und weise eine relation zum ort des geschehens, zu den menschen und zum tagesrhythmus im park. mal wird platz für den eigenklang des parks gelassen, mal setzt sich der orchesterklang mit- oder gegen diesen, mal überspielt er ihn aber auch. mit der vorstellung, wie die lichtinstallation dazu reagiert, entsteht ein zeitablauf, der ein fein gesponnenes gewebe zwischen den klängen und bildern des parks und den akustischen und visuellen elementen der live-installation intendiert. bei aller ausformulierung werden dabei aber auch die qualitäten der beteiligten musiker gewahrt, sprich freiheiten der improvisation sind erwünscht, leerstellen, welche von den musikern besetzt werden können, werden geschaffen.
erklingen soll das ganze im sinne einer möglichst grossen verbindung mit dem naturklang: im kreis angeordnet spielen die musiker über ein surround-klangsystem mit acht lautsprechern. (jeder musiker sendet ein stereosignal für ein lautsprecherpaar.) statt einer frontalen situation ist so eine bewegliche und räumliche gestaltung des gesamtklangs möglich.

die proben
im august 2007 zogen sich die acht musiker für vier tage ins theatre de poche biel zurück und begannen an einem gesamtklang, an spielformen, an ihren klängen zu feilen. vor den proben hatte sich jeder einzelne musiker mit im park aufgenommenen klangmaterial vorbereitet und verschiedene klanglichkeiten ausgearbeitet: klänge und spielweisen, die der partitur zu grunde lagen, wurden auf acht verschiedene, persönliche arten in die proben gebracht. diese wurden nun anhand der partitur zusammengefügt und weiterentwickelt. ebenso führten verschiedene freie spielformen zu neuen erkenntnissen, welche in die partitur einbezogen wurden. so fand der zeitablauf und die spielweise immer mehr zu einer präzisen gestaltung: freiheiten und regeln, gesamtklang und formale gestaltung mit kontrasten und differenzierten übergängen, spielenergie und genaues hören der einzelnen musiker als mitglied eines orchesters. all dies - und einiges mehr - waren spannende themen im probeprozess.

das wetter und die aufführung
einen kleinen strich durch die rechnung machte uns leider das wetter. das erste ausführungsdatum am ende der probewoche musste wegen regen ausgelassen werden. beim zweiten versuch am 17.august sollte es dann jedoch klappen. trotz zwei heftigen regengüssen in der aufbauphase gelang ein einigermassen pünktlicher aufbau der ton- und lichtinstallation in der geplanten (oben beschriebenen) form. um vier uhr konnte der sechstündige marathon beginnen. und es sollte sich lohnen. trotz einigen bedrohlich dunkeln wolken hielt sich das wetter stabil und trocken, die temperaturen luden zum verweilen im park.
neben einem ‚zufallspublikum‘ - sprich passanten und alltäglichen parkbesuchern - fand sich ein ständig wechselndes, aber auch geduldig verweilendes publikum ein. insbesondere gegen abend bevölkerte sich der park in recht dichter weise. wir schätzen, dass wohl ungefähr 200-250 verschiedene menschen den weg zur performance fanden und dort zwischen einer halben und mehreren stunden verweilten.

reaktionen und redaktionen
die anschliessenden reaktionen, welche von publikum und beteiligten geäussert wurden, waren ausschliesslich positiv. viel lob erfuhr die visuelle gestaltung von der aufstellung der musiker bis zur lichtinstallation, welche insbesondere mit einbrechender dunkelheit immer mehr zu einer verzauberten stimmung führte. auch der ansatz mit pausen, sehr leisen partien sowie unbearbeiteten klangeinspielungen von aufgenommenen naturklängen - in vielfältiger weise auf das ‚surround‘-system verteilt eingespielt - schien ganz aufzugehen und zu einem anderen hören eines realen klangbildes zu verleiten. die mischung zwischen konzertanter musik und respektvollem umgang mit einer gegebenen umgebung in ihrer künstlichen natürlichkeit und natürlichen künstlichkeit konnte ihren reiz voll ausspielen.

ein fazit und ein ausblick
insgesamt können wir auf eine sehr gelungene arbeit und spannende zeit zurückblicken. im vorfeld fand zum einen eine sehr gelungene zusammenarbeit unter musikern statt, die seit jahren das bieler musikleben prägen und so wieder einmal arbeitender weise mehrere tage miteinander verbringen konnten. zum andern entpuppte sich auch die zusammenarbeit zwischen akustisch und visuell agierenden künstlern und künstlerinnen als glücksfall. grenzüberschreitung und eine auf beiden seiten inspirierende, gemeinsame arbeit war das resultat.
insgesamt entstand unseres erachtens eine sehr eigenständige künstlerische arbeit aus diesem projekt. wir hoffen zur zeit, das projekt weiter zu ziehen und nächstes jahr eventuell auch an anderen orten – parkanlagen in städtischem umfeld – wiederholen zu können. die ideen sind vielfältig. mal sehen, ob sich was machen lässt. wir hoffen dies zumindest und arbeiten weiter dran.


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